Selbstversorger

Zu Besuch auf dem Hof der Schimmels. Die Familie, die auf einem abgelegenen Hof nahe Kalkhorst in Mecklenburg-Vorpommern wohnt, produziert alle Güter des täglichen Lebens selbst.
Am frühen Morgen fährt Steffen Schimmel mit den Pferden zur Feldarbeit.
Vorgespannt hat er die Pferde Paul und Bert. Der Hof der Schimmels liegt im so genannten Klützer Winkel, nahe der ehemaligen Ost-West-Grenze und nur wenige Minuten von der Ostsee entfernt.
Steffen Schimmel hängt Paul und Bert vor dem Ausbringen des Mistes die Deichsel ins Geschirr.
Rund einen Kilometer Luftlinie entfernt: Lina Schimmel holt Kuh Dora zum Melken von der Wiese.
Intensives Striegeln ...
... dann wird gemolken.
Aus der Milch produziert Lina Schimmel unter anderem Käse. Aufgewachsen ist die 43-Jährige in Hamburg. Schon der Vater habe die Natur geliebt, sie selbst habe als Schülerin vom Aussteigen geträumt. Bei Freunden lernte sie ihren Mann Steffen kennen. Ende der 1980-er Jahre kauften sie den alten Bauernhof.
Fütterung der chinesischen Laufenten
Die Tiere haben bei den Schimmels mehr als eine Funktion. Sie liefern Fleisch, Milch, Käse. Sie dienen als Lastenschlepper, Wächter, Schädlingsbekämpfer.
Ein richtiges Krisenjahr? Das habe es noch nicht gegeben, sagt Lina Schimmel. Mal fiel eine Honigernte geringer aus. Ein anderes Jahr warf das Getreide weniger ab. „Das alles schlecht war, ist eigentlich nie passiert.“ Zweifel an ihrem Lebensentwurf seien deshalb nie aufgekommen.
Ernte im hauseigenen Garten
Die Schimmels bauen dort unter anderem Bohnen, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Gurken und Saaten an.
Einen Teil der Gurken wird Lina Schimmel später einlegen. So sind sie auch im Winter mit eigenem Gemüse versorgt.
Auch die Kidneybohnen sind für die lange Lagerung geeignet.
Eine Schale Dillsamen: Die Saat wird aufbewahrt und im nächsten Frühjahr im Garten ausgebracht.
Es wird möglichst alles geerntet, weiter- und wiederverwertet. Sommer, Herbst und Winter, die Jahreszeiten geben den Takt im Klützer Winkel vor. Der biologische Fußabdruck der Familie ist klein. Ein Auto besitzen sie nicht.
Steffen Schimmel kommt mit Paul und Bert zurück. Zu DDR-Zeiten war Steffen Schimmel Forstarbeiter. Als er Ende der 1980-er Jahre das alte Bauernhaus kaufte, verlief die Grenze, die Deutschland in zwei Staaten teilte, gar nicht weit entfernt.
Das Draußensein und die Arbeit mit Tieren zieht Steffen Schimmel vielem anderen vor. „Ich wollte vor allem mit den Pferden arbeiten“, sagt der 52-Jährige. „Und ich habe mir einen Weg gesucht, wie das geht. “
Mittagspause
Hausgemachte Produkte des Hofes stehen auf dem Tisch.
Zugekauft werden muss fast nichts. Die Güter, die ihr Hof abwirft, reichen für die Versorgung der Familie aus. Zu der Familie zählen neben Lina und Steffen auch drei Kinder. 1999 wurde der erste Sohn geboren, 2001 die Tochter, vier Jahre später der jüngste Sohn.
Die Käseproduktion findet in der Küche der Schimmels statt.
Ein Brot-Stempel
Lina Schimmel befeuert den Herd der Küche. Das Holz schlägt Steffen und lagert es an einem trockenen Ort in der Scheune.
Lina Schimmel erwärmt die Milch und kontrolliert die Temperatur.
Die Käseproduktion beginnt. Lina Schimmel füllt die erhitzte Milch in einen anderen Topf.
Mit einem Messer schneidet sie die so genannte Dickete, die nach ausreichend Eindicken zum Käse weiterverarbeitet wird. Das Dicklegen als Teil der Käseherstellung dauert zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden – je nach Käseart.
Hat die Dickete die richtige Festigkeit erreicht, ist das Stadium des „Käsebruchs“ erreicht. Je feiner der Käsebruch zerkleinert wird, desto mehr Molke setzt sich ab und umso härter wird der fertige Käse.
Lina Schimmel schüttet die Dickete mit der Molke in ein Seihtuch.
Durch Abtropfen, Pressen und Wenden wird die restliche Molke vom Käsebruch getrennt.
Jetzt darf der Laib ruhen. Während der Reifung wird er regelmäßig gewendet und - je nach Sorte - gebürstet, gewaschen oder mit Edelschimmel behandelt.
Die Arbeit auf dem Hof ruht nicht. Lina Schimmel verarbeitet die geernteten Gurken...
... produziert Butter in der alten Buttermaschine ...
... kippt erhitztes Wasser in einen Eimer...
... und startet danach den Waschvorgang der Maschine.
Für einen wirtschaftlichen Ertrag sorgen neben dem Käseverkauf auch die Produktion von Honig und Kerzen. Bienenwachs für die Kerzenproduktion hat die Familie in einem Behälter gesammelt. Der Honig-Ertrag war in diesem warmen Sommer reichlich.
Rund 60 Bienenvölker beherbergen die Schimmels auf ihrem Hof.
Zwei Tonnen Honig haben die Bienen in diesem Jahr produziert. Das ist eine Rekordzahl. Weil es kaum geregnet hat, konnten die Tiere fast täglich ausfliegen und Nektar sammeln. In weniger sonnigen Jahren schaffen die Bienen etwa eine Tonne Honig.
Steffen Schimmel öffnet eine Magazinbeute. Vor dem Einsetzen des Winters behandelt er seine Völker mit einem biologischen Mittel gegen die schädliche Varroamilbe, die als Parasit auf Honigbienen nistet.
Mit dem Verkauf von Honig und Kerzen aus Bienenwachs wird ein Teil der Einnahmen der fünfköpfigen Familie bestritten. Abnehmer finden die Schimmels reichlich. Mit 1,1 Kilogramm Honig pro Kopf und Jahr liegt Deutschland im Verzehr an der Weltspitze.
Ab Ende Oktober stehen die Zeichen auf Winter. Es gibt nur noch wenige Äpfel zu ernten. Das Lagergemüse kommt in den Keller, darunter Rote Beete und Möhren.
Ob sich die Abgeschiedenheit manchmal nach Verlust anfühle oder nach Verzicht? Lina Schimmel verneint. „Als wir das letzte Mal in Berlin waren, da hat Steffen gesagt, er verstehe diese ganzen Leute nicht und was die alle hier machen, also auf eine emotionale Art.“
Einen virtuellen Draht zur Außenwelt haben sich die Schimmels allerdings geschaffen. Wegen der starken Nachfrage nach ihrem Honig und dem Käse hat die Familie jetzt Internet. Darüber wickeln sie einige Bestellungen ab.
Und auch die Nachfrage nach dem Fleisch ihrer natürlich gehaltenen Tiere steigt. Zwei der knapp zwei Dutzend Rinder werden für den eigenen Verzehr geschlachtet, sechs bis sieben Tiere gehen pro Jahr in den Verkauf.