Fiori Belli – ein Tag mit Guiseppe

Jeden Morgen, von montags bis samstags, klingelt der Wecker bei Guiseppe Salanitri um 4.30 Uhr. Nach dem Frühstück steigt der gebürtige Sizilianer in sein dreirädriges Gefährt, die Ape, und macht sich um 5.30 Uhr auf den Weg in den Berliner Blumengroßmarkt.
Gegen sechs Uhr beginnt die Auswahl aus Hunderttausenden Blumen.
Am liebsten kauft Guiseppe saisonale Ware von regionalen Händlern.
Momentan sind Ringelblumen, Margeriten und Sonnenblumen beliebt, wie sie auch gerade im Umland zu blühen beginnen.
Seit 14 Jahren ist Guiseppe, wie er sich jedem vorstellt ("Der Vorname reicht") als Einmannbetrieb unterwegs. Sein Blumenstand im Stadtteil Charlottenburg ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr geöffnet, samstags bis 16 Uhr. Nur sonntags ist Blumen-Pause.
Ein letzter Abzweig zum Grün für die Gebinde und Gestecke, bevor ...
... es zum Bezahlen und dem täglichen Austausch an der Kasse geht. Im Großmarkt ist Guiseppe mit jedem auf Du und Du.
"Fiori belli", schöne Blumen für Freud und Leid, so hat Guiseppe sein Geschäft getauft.
Für ihn sind Blumen ein Lebensgefühl, ein Begleiter durch die Berg- und Talfahrten des Lebens. "Freude und Leid gehören ja zum Leben wie Blumen auch", sagt Guiseppe.
"Fiori belli", so heißt auch der winzige Kiosk neben dem Taxistand am Sophie-Charlotte-Platz in Charlottenburg. Fast jeder, der hier wohnt, kennt das Büdchen, das vor 100 Jahren als Zeitungskiosk gebaut wurde. Seit 14 Jahren ist es ein Blumenladen - und der weiß um viele Geschichten, denn Guiseppe bindet, seines Mottos getreu, für alle Anlässe. Sträußchen ab drei Euro für die kleine Aufmerksamkeit zwischendurch, Arrangements für Hochzeiten und Jubiläen, Kränze für Beerdigungen.
"Die Kunden sind toll", sagt Guiseppe. "Und Freunde kommen mich gern besuchen. Jeder weiß wo ich bin. Ich liebe den Austausch und meine Freiheit."
Freiheit, die will er sich nicht nehmen lassen. Dafür steht er bei Wind und Wetter im denkmalgeschützten Büdchen am Platz, der ein bisschen Flair von italienischer Piazza atmet, gepaart mit dem Charm des altehrwürdigen West-Berlin. Das Geschäft liegt nur wenige Straßenzweige vom Kurfürstendamm entfernt. Schon oft haben ihm Händler angeboten, den Kiosk aufzukaufen, zu Summen im vierstelligen Bereich. Für Guiseppe unvorstellbar. "Das hier bin ich", sagt der 56-Jährige. Und nochmal etwas Neues beginnen? "Andererseits", sagt er und denkt nach. "Warum nicht?" Sein Lebensweg habe schon viele Drehungen und Wendungen genommen.
Das Blumenbinden hat Guiseppe von einem Floristen gelernt. In dessen Auftrag war er viele Jahre als Marktschreier unterwegs und hat Pflanzen zum Bestpreis feilgeboten.
Guiseppes Vater kam in den 60-er Jahren als Gastarbeiter aus Sizilien nach Deutschland. Mit seinen Geschwistern wuchs Guiseppe in Hagen am Rande des Ruhrgebiets auf. Mit 18 Jahren trug es ihn von dort aus über diverse Städte und Berufe nach Berlin. Bis heute fühle er sich mit beiden Heimaten verbunden, und nein, sagt er und lacht. Als Blumenhändler sei er sicherlich nicht zur Welt gekommen. Im heißen Sizilien käme niemand auf die Idee, Blumen zu verschenken.
Ob er eigene Familie habe? "Ja." Und Kinder? "Ja, auch, drei. Von zwei Frauen." Jetzt sei aber erstmal genug erzählt, schiebt Guiseppe nach. Die Arbeit erledige sich schließlich nicht von selbst.
Auf sechs Quadratmetern hat alles seinen Platz, was der Einmannbetrieb zum Florieren braucht.
Zumal ...
Gute Laune braucht wenig Raum.
Die Madonna mit Kind hat ihm eine Kundin geschenkt. Guiseppe hat ihr ein Ehrenplätzchen eingeräumt, weil sie ihn an seine italienischen Wurzeln erinnert. Wenn er mal ins Grübeln gerate, sagt er, genüge ein Blick hoch zu der Figur. Dann sei der Glaube zurück, dass die Mutter Gottes schon alles in die rechten Bahnen lenken werde.
Hochs und Tiefs kennt Guiseppe aus eigener Erfahrung. Einfacher Broterwerb sei sein Handwerk nicht. Auch er hat die Rezession zu spüren bekommen.
Und darauf auf seine Art reagiert. Er bindet kleinere Sträußchen. Nur weil weniger Geld vorhanden sei, schwende schließlich die Liebe zur Blume nicht.
Ihren Platz haben sie in einer alten Emaille-Wanne der sizilianischen Großmutter gefunden. Auch Heimat-Geschichten beleben das Geschäft.
Im mittleren Segment: Die Sträußchen für fünf Euro.
In den vergangenen Jahren hat Guiseppe viel Umbruch miterlebt.
In seinem Kiez hat er ältere Menschen gehen - und die Jüngeren kommen sehen. Charlottenburg ist zwar etwas weniger hipp als der Prenzlauer Berg. Doch die Gentrifizierung ist auch an diesem Stadtteil nicht spurlos vorbeigezogen. Seit Jahren ist die City West im Umbruch. Viele Altbauten sind frisch saniert. In mancher Ecke musste der Spirit der 68-er dem Geruch teurer Eigentumswohnungen weichen. In unmittelbarer Nähe wurde das Bikini-Haus umgebaut. Das C/O Berlin hat eröffnet. Ein wenig New York-like schießen rund um den berüchtigten Bahnhof Zoo hochgeschossige Hotelbauten in den Himmel.
Einen Moment, Kundschaft ...
Familiäres setzt sich durch, darauf vertraut Guiseppe. Neben der Moderne kann sich manch alteingesessener Betrieb im Kiez behaupten. So etwa die Hutmacherin um die Ecke, die ihre Firma seit 30 Jahren in Eigenregie führt. Oder die Bio-Brotbäckerei. Sie ist ein Familienunternehmen, das die Enkel in dritter Generation leiten. Die Jungs kannte Guiseppe bereits als kleine Steppke.
Hier verbringt er jeden Tag seine Mittagspause und trinkt einen Espresso.
Zurück im Laden ...
... stellt Guiseppe eine Auswahl aus roten und weißen Rosen zusammen.
Sie dienen für einen Trauerkranz, den Guiseppe gleich beim Auftraggeber ausliefern wird.
Näher könnten Freude und Leid kaum beieinander liegen. Zum Rosenkranz gesellt sich ein hellgelber Sonnenblumen-Strauß. Ihn möchte Guiseppe einer seiner Lieblings-Kundinnen vorbeibringen. Frau Schmitz heißt die Dame. Sie lebt seit 30 Jahren im Kiez und hat früher jeden Tag persönlich am Büdchen vorbeigeschaut. Seit sie schlechter zu Fuß ist, liefert ihr Guiseppe einmal wöchentlich einen Strauß frei Haus.